Goethestraße 85:
vom Schicksal jüdischer Bürger im Bismarckviertel

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Dieses Haus gehörte bis 1939 der jüdischen Krefelder Familie Strauß.

Siegfried Strauß (geb. 1875) war Mitbegründer und Teilhaber der Seidenhandelsfirma Merländer, Strauß & Co, die ihren Sitz im Sinn-Haus auf der Neusser Straße hatte. Während die erwachsenen Kinder Helmut und Senta Strauß emigrieren konnten, bleiben Siegfried und Else Strauß (geb. 1889) in Krefeld zurück.

Das weiße Haus im Hintergrund ist die Goethestr. 85

In ihrem Haus fanden ab 1939 mehrere andere jüdische Familien Zuflucht, deren Emigration gescheitert war. Alle Bewohner dieses Hauses wurden Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Im Oktober 1941 begann die systematische Massendeportation deutscher und damit auch Krefelder Juden in den Osten.

Julius und Martha Marx (beide 51 Jahre alt) wurden mit ihrem 18-jährigen Sohn Erich Marx im Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert.

Hans und Margarete Goldschmidt (40 und 36 Jahre alt) und ihre zehnjährige Tochter Margit Goldschmidt, deportierte man kurz darauf, im Dezember 1941, in das Ghetto Riga. In beiden Ghettos wurde die Arbeitskraft der Verschleppten unter unmenschlichen Bedingungen so lange ausgebeutet, bis sie starben oder in ein Vernichtungslager überstellt wurden.

Die unverheirateten Schwestern und früheren Geschäftsfrauen Selma und Karoline Leib (57 und 55 Jahre alt) wurden im April 1942 nach Izbica (Distrikt Lublin) deportiert. Aus diesem Transport gibt es keine Überlebenden, das Schicksal der Opfer ist nicht mehr zu rekonstruieren. Man nimmt an, dass sie aus dem Sammelort Izbica in eines der Vernichtungslager weiter deportiert wurden.

Hermann und Klara Ems (69 und 52 Jahre) nahmen sich im Juli 1942 gemeinsam das Leben, um der Deportation zu entgehen.

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Siegfried und Esle Strauß in Bad Gastein; 1938

Siegfried Strauss starb noch auf dem Transport, Else Strauß wurde von Theresienstadt nach Auschwitz weiterverschleppt, wo sie im Januar 1943 umkam.

Dr. Claudia Flümann

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Siegfried Strauß

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Else und Senta Strauß

Die übrigen Bewohner des Hauses wurden im Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Der frühere Textilfabrikant Gottfried Gompertz (70 Jahre) und seine Frau Rosa Gompertz (58 Jahre). Gottfried Gompertz war Vorstandsmitglied der jüdischen Kultusvereinigung in Krefeld gewesen.

Neben Siegfried und Else Strauß waren dies zwei weitere ältere Ehepaare: Der ehemalige Lehrer der jüdischen Volksschule in Krefeld, Salomon Andorn und seine Frau Sophie Andorn (79 und 71 Jahre) hatten zusammen mit ihren Kindern und Enkelkindern bis zu deren Auswanderung auf der Hohenzollernstraße 28 gewohnt.

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Salomon Andorn

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Sophie Andorn

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Siegfried und Else Strauß; 1928

Todeszeitpunkt und -umstände der übrigen Deportierten sind unbekannt.

Zurückgekehrt ist niemand.